PRESSE ÜBER UNS: Das Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC) stärkt Lehrer und Schüler
10. Juli 2013
Beicht auf der Internetseite "inSuedthueringen.de", 10.07.2013

Auch Nazis kriegen Kinder

Diskriminierungen, menschenverachtendes Verhalten und Gewalt sind in vielen Thüringer Schulen längst angekommen. Das Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC) stärkt Lehrer und Schüler gegen die Einflüsse.


Das Thema ist heikel. Müssen doch einige der 900 Thüringer Schulen zugeben, dass sie Probleme mit menschenverachtendem Verhalten haben, derer sie allein nicht mehr Herr werden. Solche Fälle müssen eigentlich an Schulämter und schließlich an das Bildungsministerium gemeldet werden. Im vergangenen Jahr waren es 23 rechtsextreme Vorfälle, die von der Verbreitung einschlägiger Musik und Videos über Volksverhetzung bis hin zu Szene-Schmierereien reichten. Das klingt wenig, doch die Scheu, eine Meldung zu machen, ist groß, weiß das Netzwerk für Demokratie und Courage in Thüringen. Es ist regelmäßig an Schulen und ermutigt zum Handeln.

Die ehrenamtlich Tätigen wissen, dass die Dunkelziffer höher ist, können sie aber nicht genau beziffern, denn sie werden nicht nur an Schulen eingeladen, wenn etwas passiert ist, sondern auch schon präventiv. Meistens verbreitet sich ihr Angebot durch Mund-zu-Mund-Propaganda durch Lehrer, Eltern oder Schüler. Das Netzwerk hat sich in den zwölf Jahren des Bestehens in Thüringen einen Namen gemacht. Es ist eigentlich ein bundesweiter Zusammenschluss mit Aktiven, Organisationen und Jugendverbänden in den Bundesländern. Gefördert wird es unter anderem vom Europäischen Sozialfonds und arbeitet in Thüringen eng mit dem Bildungsministerium zusammen.

Runen im Aufsatz

"Im Südthüringer Raum waren wir vor Kurzem das erste Mal an einer Schule, weil ein Gastlehrer, der uns kannte, dort das Kollegium ermutigt hatte, mit uns Kontakt aufzunehmen", berichtet Doreen Breuer, Projektleiterin des Netzwerkes in Thüringen. Welche Schule das ist, will sie nicht sagen, denn man wolle weiter mit der Schule zusammenarbeiten und gehe das Thema im Interesse der Schule vorsichtig an. Bei einer Klassenarbeit hatte ein Schüler seinen Aufsatz komplett in Runen und mit anderen Symbolen aus der rechten Szene abgegeben, anonym. Die Lehrerin hatte die Zeichen recherchiert und besprach den Fall mit den Kollegen. Sie brachte den Aufsatz zur Anzeige bei der Polizei. Dort wurde er aber fallengelassen. Das enttäuschte die Lehrer, bestärkte aber im eigenen Handeln. Der Gastlehrer erwähnte dabei das Netzwerk mit Sitz in Erfurt. So kam ein Treffen zustande. Den Erfolg des ersten Projekttages können die Aktiven erst mit der zweiten Buchung ausmachen.

"Das war mutig. Es gibt viele Lehrer, die solche Vorfälle klein spielen und sich dem Problem nicht stellen", sagt Breuer. Couragiertes, also mutiges Handeln ist die Kernaussage des Vereines. Die Teamer bieten Projekttage zu verschiedenen Themen an Schulen an. In den Stunden beschäftigen sich Lehrer und Schüler mit Vorurteilen, vorgegebenen Geschlechterrollen, Diskriminierung in der Gesellschaft und in den Medien, menschenverachtendes Verhalten in der rechten Szene und von Neonazis. Jegliche Form von Gewalt lehnen die Projektleiter, die in der Mehrzahl geschulte Studenten oder Auszubildende sind, ab. "Couragiertes Handeln meint, die Polizei anzurufen, sich selbst zu schützen, wenn Gefahr droht, gegen jede Form von Gewalt einzustehen, Probleme anzusprechen, Hilfe holen und vor allem zu hinterfragen und zu reflektieren", ergänzt Sylvia Riemschneider, hauptamtlich im Netzwerk tätig.

Malen Schüler Hakenkreuze auf ihre Schulbank, weil sie hinter der Ideologie stehen oder weil sie es cool finden und nicht darüber nachdenken? Die Teamer ermutigen, nachzufragen. Sitzen Schüler mit bei rechten beliebter Markenkleidung in der Klasse, bitten sie die Marke abzukleben und thematisieren es. "Wir haben immer Klebeband dabei, denn unsere Teamer müssen sich diese ideologischen Bekundungen nicht antun", sagt Riemschneider.

In Thüringen besuchten die Ehrenamtler 96 Schulen in 62 Dörfern und Städten, setzten 268 Projekttage um, erreichten 4718 Schüler. Für dieses Jahr liegen 123 weitere Buchungen vor. Bisher ereichte das Netzwerk 2000 Schüler in diesem Jahr. In Südthüringen setzten die Aktiven im vergangenen Jahr 60 Projekttage in 22 Orten und 25 Schulen und Bildungseinrichtungen um und redeten mit 1056 Schülern. 70 Teamerinnen und Teamer engagieren sich in Thüringen und opfern Zeit und Nerven. Denn manchmal gehört für sie Mut dazu, Dinge anzusprechen.

Offene Drohungen

"Nazis hätten dich vergast", bekamen sie schon zu hören. Offene Bekundungen zur NPD, Hitlergrüße, Naziparolen, unverhohlene Vorurteile über ausländische Mitbürger, das sind nur wenige, aber vorhandene Rückmeldungen. Teamer erzählten auch über offene Drohungen. "Deshalb fahren wir immer mit Mietwagen zu den Schulen, nie mit privaten. Unseren Aktiven in den Schulen sagen wir immer, sie sollen sich genau überlegen, was sie von sich preisgeben. Die meisten nennen nur ihren Vornamen. Listen mit den vollständigen Namen und Anschriften der Teamer geben wir nie raus und schützen sie streng. Unterlagen werden nur persönlich, nie per Post ausgehändigt", erzählt Breuer. "Nazis kriegen Kinder und die sitzen nun in den Klassen und in unseren Projekten."

Bisher konnte das Netzwerk trotz einiger Versuche nicht von Rechtsradikalen geschwächt oder geschädigt werden. Darauf sind Breuer und Riemschneider stolz. Wegen der vielen Nachfragen an den Schulen suchen sie immer wieder Teamer. Zweimal im Jahr gibt es Schulungen, es folgen Hospitanzen bei den Projekttagen, bevor Neue selbst vor eine Klasse treten dürfen.

Die meisten Schüler reagieren auf die Angebote offen, arbeiten mit und geben positive Rückmeldungen. Viele kommen auch ins Nachdenken. In solchen Momenten wissen Riemschneider, Breuer und die 70 Aktiven im Netzwerk, dass sie ihre Arbeit gut gemacht haben. Schüler mit einer bewusst rechtsradikalen Gesinnung bleiben meistens ruhig, äußern sich sehr überlegt. "Wir schaffen es nicht, diese Menschen in nur sechs Stunden an einem Tag zu erreichen", ist Breuer realistisch.

Die Auswertung mit den Lehrern sei umso wichtiger, denn sie arbeiten täglich mit den Kindern. "Wir geben ihnen Argumentationshilfen, sprechen Probleme an", erklärt Breuer. Dabei machen die Teamer deutlich, dass das "Rassendenken" vor niemandem Halt macht. Es sei ein gesellschaftliches Problem und keines mit Migrationshintergrund. Das Netzwerk könne keine "Brandherde" in den Klassenzimmern löschen, sondern nur zum Denken anregen.

Zu lange Wege

Und weil das so ist, gibt es keine einfachen Lösungen für menschenverachtendes Gedankengut an Thüringer Schulen. "Die Wege sind zu lang. Es fehlen Lehrer im Land, das bestätigen uns die Lehrkräfte", sagt Breuer. Die Lehrpläne seien veraltet. Manch Biologie-Lehrer vermittle sogar noch die Rassenlehre, weil der Lehrplan es zulasse, erfuhren Teamer. "Durch Gespräche mit dem Bildungsministerium wissen wir, dass die Probleme bekannt sind. Doch die Mühlen mahlen langsam und die Behörden kommen nicht hinterher", sagen Riemschneider und Breuer. So schnell geht den Leuten vom Netzwerk die Arbeit nicht aus.


Das sagen drei Schulen über das Netzwerk:

Berufsschulzentrum in Zella-Mehlis, Schulleiter Klaus Müller: Über Jahre wird das Angebot vom NDC gut bei uns im Sozialkunde-Unterricht aufgenommen. Die Anregung kam vom Kollegium, die sich mit rechten Symbolen auseinandersetzten und sich dafür sensibilisieren wollten. Auffälligkeiten gibt es ja überall, und darüber haben wir nachgedacht. Wir halten die Augen offen und dulden keine rechtsradikalen Dinge an unserer Schule.

Regelschule Floh-Seligenthal, Schulleiter Horst Kössel: Wir sind mit den Angeboten des Netzwerkes sehr zufrieden. An unserer Schule nutzen wir sie vor allem präventiv. Und weil wir nicht nur ein Ort des Lehrens, sondern auch des Lernens sind, bilden sich unsere Lehrer auch gleich mit weiter. Für die letzten Tage im Schuljahr sind die Projektleiter wieder eingeladen.

Geschwister-Scholl-Schule, Ilmenau, Sozialpädagogin Anja Blaschke: Vor drei Jahren war das Netzwerk bei uns an der Schule. Die Teamer waren toll und haben auf vieles aufmerksam gemacht. Wir hatten damals einige Probleme an der Schule und konnten so daran arbeiten. Seitdem ist das erledigt. Leider dauern die Projekte nur einen Tag. Eine intensivere Arbeit wäre besser, ist aber von Schulen kaum machbar.

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Mehr über die Arbeit des NDC in Thüringen erfahren Sie hier.

Kontakt- und Anschrift:

Netzwerk für Demokratie und Courage
Landesnetzstelle Thüringen
c/o Arbeit und Leben Thüringen
Auenstraße 54
99089 Erfurt
Tel.: 0361 - 56 57 321
Fax: 0361 - 56 57 350
E-Mail: thueringen(at)netzwerk-courage.de
Internet: www.courage-thueringen.de


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